Erik Hegmann

Beziehungsberatung per Chatbot? | Interview mit Paartherapeut Eric Hegmann

Eric Hegmann ist Paartherapeut und hilft Gespräche zu initiieren, die Paare führen sollten, aber bisher nicht führen konnten. Seit knapp 20 Jahren ist er als Paartherapeut, Single-Coach und Autor tätig. Er hat über ein Dutzend Bücher zu Liebe, Partnerschaft und Partnersuche veröffentlicht, hat eine erfolgreiche TV-Serie mit angeschlossenem Podcast und ist Co-Gründer der Modern Love School. Zu seinem Beratungsangebot gehören neben Gesprächen, Workshops und Kursen und seit einiger Zeit auch die Gesprächs-KI Eric AI. Anlässlich der Veröffentlichung einer neuen Version dieser KI, wollen wir vom ARIC wissen, wie das zusammengeht: menschliche und technische Kommunikation.


ARIC: Was hat Sie persönlich dazu bewegt, eine Conversations-KI für die Paartherapie zu entwickeln? Gab es bestimmte Erfahrungen aus Ihrer Praxis, bei denen Sie dachten: „Hier könnte eine KI hilfreich sein“?

Mich hat immer interessiert, wie ich online meine bestehenden Klienten zusätzlich zum Therapieprozess und auch neue Klienten unterstützen könnte. Deshalb habe ich sehr früh angefangen, Onlinekurse zu entwickeln und anzubieten oder meine Liebes-Wissensdatenbank, in der ich Interventionen, Workshops, Aufzeichnungen von Seminaren und regelmäßige so genannte DropIn Calls anbiete, in denen Beziehungsthemen in der Gruppe, moderiert von zwei von mir fortgebildeten Therapeutinnen besprochen werden.

Die Idee zur KI kam, als ich mir überlegte, die mehr als 2000 in den vergangenen zehn Jahren gegebenen Interviews in einer durchsuchbaren Datenbank zur Verfügung zu stellen. Also trainierte ich meine KI mit etwa je 15.000 Fragen und meinen Antworten darauf – und war erstaunt, wie gut und hilfreich die Ergebnisse waren. Allerdings war das, ich möchte es – auch gar nicht abwertend – als „Dr. Sommer“-Bot bezeichnen. Ein therapeutischer Prozess oder meine Methodik waren noch nicht abbildbar und damit zeigte sich das große Problem der normalen Chatbots: sie können emphatisch zuhören und Tipps aus einer Datenbank geben, aber das hat mit Paartherapie wenig zu tun. Die ist prozessorientiert und nicht lösungsorientiert.

Ich helfe Paaren die Gespräche zu führen, die sie führen sollten, aber bisher nicht konnten. Eric AI 1.0 bis 2.0 lieferten jedoch „Tipps“ und wurden vor allem dazu genutzt, sich über den Partner oder die Partnerin zu beklagen. Soweit ist das auch in der Praxis der normale Einstieg in die Paartherapie, nur ist es eben nicht möglich Ziele für den anderen zu entwickeln, sondern nur eigene. Und genau dabei hilft die Therapie. Für einen Chatbot ist das aber nicht möglich, weil er kein therapeutisches Konzept umsetzen kann. Deshalb haben die Entwickler von Hyperinteractive und ich ab Eric AI 3.0 eine Agenten-basierte Architektur angeboten, in der die einzelne Instanzen erste Interventionen anbieten, vorbereiten, durchführen und verankern können. Jetzt kann Eric AI konkret einsteigen und sagen: „Wir können hier Ihre:n Partner:in nicht verändern, aber wir können darauf schauen, was Sie vielleicht ändern wollen. Wollen Sie sich auf ein Experiment einlassen?“

 

Einer aktuelle Studie der HBR ist zu entnehmen, dass Lebenshilfe und Life-Coaching eine der meist genutzten Funktionen von KI-Chatbots wie ChatGTP, Claude oder Google Gemini ist. Wie funktioniert Eric AI und wie hebt es sich von solchen allgemeinen Angeboten ab?

Chatbots werden mittelfristig viele Anfragen an Coaches und Therapeut:innen übernehmen, davon bin ich überzeugt. Die Folge ist, dass zahlreiche Anbieter nun Lösungen entwickeln, in denen Paartipps und Interventionen angeboten werden. Wie entwickeln Eric AI so, dass er so arbeiten kann, wie ich das tun würde. Es geht mir nicht darum irgendwelche Interventionen anzubieten, sondern meine Sitzungen abbilden zu können. Und die unterscheiden sich in ihrer Komplexität und Herangehensweise eben grundsätzlich von „Jetzt führen Sie alle 14 Tage ein 15-minütiges Zwiegespräch“.

Ich stehe für eine Arbeitsweise, die auf Selbstverantwortung und Selbstwirksamkeit statt Partner-Blaming und Partner-Reperaturwerkstatt setzt. Das ist nur nicht das, was Paare sich zunächst erhoffen, denn die wollen, dass der „andere gefixt wird“. Durch meine Popularität wissen Paare, die mit mir arbeiten wollen, dass ich diesen Auftrag nicht annehme. Also darf Eric AI den ebenso nicht annehmen. Was ist also der Unterschied zu KI Chatbots? Die erfüllen ein sehr menschliches und nachvollziehbares Bedürfnis, aber lösen damit mittel- und langfristig nicht die Ursache des Konflikts, denn an den gehen sie gar nicht ran. Dazu nötig ist neben einer sehr komplexen Technik ebenso eine vertrauensvolle parasoziale Verbindung meiner Klienten zu Eric AI, die „ihm“ erlaubt, anders zu arbeiten als nur zustimmend und mitfühlend zu reagieren.

 

Wie haben Ihre Klienten bisher reagiert, wenn Sie ihnen die KI vorgestellt haben? Begegnen Paare ihr eher mit Neugier, Skepsis oder vielleicht sogar mit Erleichterung, dass sie einen zusätzlichen Gesprächspartner haben?

Die Resonanz war bisher sehr gut. Eine erste Studie dazu wurde im Winter 2025 veröffentlicht , fortführende Studien sind geplant. Manche Paare erzählen Eric AI Dinge, die sie mir nicht sagen würden, hier wird spannend sein herauszufinden, was die Gründe hierfür sind. Auf jeden Fall ist von Vorteil, dass Eric AI rund um die Uhr erreichbar ist und keine nennenswerte Wartezeit erfordert.

Allerdings müssen Klienten einen Termin bei Eric AI buchen, es handelt sich eben nicht um eine immer erreichbare „Siri“ oder „Alexa“, die mal schnell mit einem Tipp ein komplexes Problem lösen soll zwischen Küche und Bushaltestelle. Das halte ich nicht für nachhaltige Unterstützung und das Gegenteil von meinem therapeutischen Ziel für Klienten, deren Selbstwirksamkeit und Selbstverantwortung in einem entwicklungs- und differenzierungsfokussierten Prozess zu fördern.

 

Screenshot einer Konversation aus Erik-AI
Screenshot einer Konversation mit Eric AI

 

In welchen Phasen oder Situationen einer Paarberatung sehen Sie den größten Nutzen der KI? Zum Beispiel: Hilft sie eher beim Reflektieren zwischen den Sitzungen oder kann sie auch im akuten Konflikt neue Perspektiven eröffnen?

Die KI kann beide Anforderungen erfüllen. Es gibt grundsätzlich drei Situationen, in denen Paare Unterstützung suchen: um eine Entscheidung zu treffen, bei der die Partner feststecken, um die Beziehung zu verbessern und um eine Trennung zu verhindern oder genau diese durchzuführen. Die Anlässe sind ebenso drei: eine Beziehungsperson macht etwas nicht so, wie die andere es selbst tun würde; wie die andere es sich wünscht; oder nicht so, wie die andere es erwartet. Mein Ziel ist, dass Eric AI für alle Paare und alle Anlässe therapeutische Entwicklungsunterstützung anbieten kann.

 

„wo ich den menschlichen Therapeuten für erheblich besser halte ist im direkten Kontakt Sehnsüchte, Bedürfnisse und Emotionen zu erkennen“

 

Wo ziehen Sie ganz klar die Linie – also welche Themen oder Fragestellungen gehören für Sie unbedingt in die persönliche Begleitung durch einen menschlichen Therapeuten und nicht in die Hände einer KI?

Hier möchte ich nur für die Paartherapie antworten, denn Psychotherapie für Einzelpersonen mit ICD 11 Erkrankungen hat ganz anderen Herausforderungen, alleine wenn ich an Diagnostik denke. Wo ich den menschlichen Therapeuten für erheblich besser halte ist im direkten Kontakt Sehnsüchte, Bedürfnisse und Emotionen zu erkennen, die aus Gründen von Schutzstrategien nicht angesprochen und verborgen werden.

 

Sie haben gerade eine neue Version Eric 4.1 released. Welche Erfahrungen haben Sie dort verarbeitet und welche technischen Neuerungen hat diese Version?

Neben erheblichen technischen Weiterentwicklungen ist der Video-Avatar sicher die auffälligste Neuerung. Nun können Klienten mit Eric AI sprechen und er antwortet. Außerdem kann er eine mir sehr wichtige Intervention durchführen zur Verbesserung der Paarkommunikation.

 

 

Durch den Namen Eric AI und den Videoavatar, der ihrer Person nachempfunden ist, ist die KI eng mit Ihrer Persönlichkeit verbunden. Spiegelt sich das in einem bestimmten Beratungsstil wieder, den sie aus Ihren anderen therapeutischen Erfahrungen und Methoden auf die KI übertragen, oder entwickeln Sie hier neue Kommunikationsformen?

Eric AI ist keine Sammlung der weltweit besten Interventionen wie GPT, das Ziel ist, dass er so mit einem Paar oder eine:m Partner:in arbeitet, wie ich das tun würde. Das bedeutet konkret Anteilearbeit, emotions- sowie entwicklungs- und differenzierungsfokussierte Methoden und eine streng unparteiliche Haltung, die Selbstverantwortung und Selbstwirksamkeit an erste Stelle setzt und Partner-Blaming entgegensteuert.

 

„Es wird immer Klienten geben, die sich ein Coaching mit einer KI nicht vorstellen können.“

 

Im Vorgespräch hatten Sie erwähnt, dass es Ihnen nicht darum geht, dass Sie die nächste große KI-Plattform gründen wollen, sondern ihre therapeutischen Angebote zu erweitern, ohne den persönlichen Bezug zu verlieren. Glauben Sie, dass diese Strategie für andere Selbständige in Beratungsfunktionen ein Weg sein kann, KI aktiv für das eigene Business nutzen, und damit im KI-Zeitalter konkurrenzfähig zu bleiben?

Das wage ich nicht zu beurteilen. Für mich funktioniert das, weil ich großes Vertrauen genieße. Was ich auf dem Markt sehe und was mir auch selbst häufig angeboten wird, sind White Label-Entwicklungen, auf die dann der eigene Name gesetzt werden kann begleitend zu einer Datenbank mit persönlichen Botschaften. Meine Vermutung ist, dass das sogar für viele Anwender:innen ausreichend und auch unterstützend sein kann. Mir genügt es nicht aus einem therapeutischen Blick. Sehe ich eine Zukunft ohne KI für die Kolleginnen und Kollegen? Es wird immer Klienten geben, die sich ein Coaching mit einer KI nicht vorstellen können. Und das ist auch gut so.

Interview: Werner Bogula

 


Mit unseren Interviews wollen wir euch verschiedenen Perspektiven und Akteure im Themenfeld KI vorstellen. Die Positionen unserer Interviewpartner:innen spiegeln nicht zwingend die Positionen des ARICs wider.


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