Nils Schweingruber im Interview mit dem ARIC

Souveräne KI in der Medizin | Interview mit Dr. med. Nils Schweingruber

Dr. Nils Schweingruber ist Mitgründer der IDM. Das Tochterunternehmen des UKE ist eine gemeinnützige GmbH, vertreibt ein eigenes Sprachmodell zum Verfassen von Arztbriefen und hat eine eigene Spracherkennung entwickelt. Im Interview spricht der Neurologe über die Wichtigkeit von Technologiesouveränität, den KI-Standort Hamburg und die Möglichkeiten von Künstlicher Intelligenz in der Medizin.

 

ARIC: Wer bist du und was machst du?

Dr. Nils Schweingruber: Mein Name ist Nils Schweingruber und ich bin Geschäftsführer der IDM gGmbH, einer hundertprozentigen Tochtergesellschaft des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE). Wir entwickeln KI-Anwendungen für den deutschsprachigen Raum und sind eine gemeinnützige GmbH. Wir möchten, dass möglichst viele Leute diese Technologie sinnvoll in ihrem klinischen Alltag einsetzen können.

 

Warum habt ihr euch entschieden, als gemeinnützige GmbH zu arbeiten?

Wir sind davon überzeugt, dass KI-Anwendungen, die auf solidarisch erhobenen Gesundheitsdaten basieren, auch wieder dem Gesundheitssystem zugutekommen sollten. Durch eine kostendeckende Lizenzierung unserer Modelle finanzieren wir weitere Entwicklungen in diesem Bereich. So haben wir in Hamburg einen Ort geschaffen, an dem KI-Entwicklung tatsächlich stattfindet. Dafür haben wir ein Team aus Softwareentwicklern, KI-Spezialisten sowie Experten für medizinische Daten und Regulatorik aufgebaut. Zusätzlich verfügen wir über die passende Infrastruktur: Direkt an den klinischen Daten können wir KI-Modelle lokal trainieren und unmittelbar in den klinischen Betrieb und in die Erprobung zu bringen. Das ist ein großer Vorteil, weil wir unterschiedlichste Anwendungen direkt im Klinikalltag testen können. Sobald wir sehen, dass ein Ansatz einen echten Mehrwert liefert, bringen wir ihn auch zu unseren anderen Kunden.

 

Welche Modelle habt ihr konkret entwickelt?

Aktuell haben wir zwei Produkte. Zum einen Argo, ein LLM (Large Language Model), das auf dem gesamten Text des UKE trainiert wurde und für die Arztbriefschreibung eingesetzt wird. Zum anderen haben wir eine Spracherkennung entwickelt: Orpheus. Sie zeigt sehr gut, welchen Mehrwert es hat, diese Technologie hier in Deutschland voranzutreiben. Wir können Orpheus entweder lokal auf den Servern großer Einrichtungen betreiben oder über unsere souveräne Cloud anbieten und so KI-Technologie sektorenübergreifend im gesamten Gesundheitswesen verfügbar machen. Angesichts der enormen Dokumentationslast ist eine zuverlässige Spracherkennung ein echter Gewinn. Wir sind seit knapp einem Jahr mit Orpheus am Markt und inzwischen in vier Unikliniken, über dreißig Krankenhäusern und über 200 Praxen im Einsatz. Das ist für uns ein starkes Signal dafür, wie wichtig souveräne KI-Entwicklung ist. Die Lösung kommt so gut an, weil sie hochspezifisch auf deutsche medizinische Fachterminologie trainiert wurdeund mittlerweile auch viele marktübliche Produkte übertrifft. Diese Spezialisierung schlägt sich direkt in einer wesentlich höheren Qualität nieder.

 

Was sind die spezifischen Dinge, die man im deutschen Markt beachten muss?

Unser Take ist: Generalistische Open-Source-Modelle oder marktführende Sprachmodelle eignen sich gut für Alltagsfragen. In hochregulierten und sehr spezialisierten Domänen wie der Medizin reichen sie jedoch nicht aus. Hier braucht es spezialisierte Modelle, die auf die entsprechenden Prozesse und Daten trainiert wurden, um die erwartete Qualität zu liefern.

Wenn man diese Technologie vor Ort weiterentwickelt und die Modelle kontinuierlich mit neuen Daten verbessern und feinjustieren kann, entsteht ein besonderer Mehrwert. Genau diesen Prozess bilden wir vollständig bei uns hier in Hamburg ab, ohne auf externe APIs angewiesen zu sein.

 

Auf welchen Daten ist das Modell genau trainiert?

Initial wurde das Modell mit Daten des UKE trainiert. Inzwischen nutzen wir jedoch auch Daten aus anderen Unikliniken, Krankenhäusern und dem ambulanten Bereich. Dadurch verfügen wir über einen sehr breiten Datensatz, vermutlich den umfangreichste Speech-to-Text Datensatz für die deutsche medizinische Sprache.

 


KI-generierte Grafik: Vier Personen mit ärztlichem Equiüment diskutieren an einem Tisch

 

Die Fachgruppe „KI und Medizin“ arbeitet im ARIC zu Fragen von Künstlicher Intelligenz und medizinscher Datennutzung und trifft sich regelmäßig zu Roundtables.
Eingeladen sind Mediziner:innen, die über den Tellerrand schauen, digitale Technologien mitgestalten und den Wandel der Medizin aktiv mittragen möchten.
Im entsprechenden Aufruf könnt ihr mehr darüber erfahren. 

 


 

Du bist Arzt. Wann und wie bist du auf das Thema KI gekommen?

Ich bin Neurologe und habe lange in der Akutmedizin und auf der Intensivstation gearbeitet. Dort fallen enorme Datenmengen an, da kritisch kranke Patienten rund um die Uhr mit unterschiedlichsten Sensoren überwacht werden. Sie sind teilweise im tiefen künstlichen Koma und werden beatmet.

Ich habe mich damals gefragt, was passiert eigentlich mit all diesen Daten, die hier anfallen? Wir müssten diese Daten doch eigentlich nutzen können, um Vorhersagemodelle zu entwickeln, ähnlich einer medizinischen Wettervorhersage. Damals habe ich angefangen, Versorgungsdaten für Prognosemodelle nutzbar zu machen und schnell gemerkt, dass das Potenzial weit darüber hinausgeht: Daten können helfen, klinische Prozesse zu vereinfachen, zu verschlanken und teilweise zu automatisieren. Das war einer der Ursprünge der IDM, die aus einer Gruppe engagierte Ärzte heraus entstanden ist. Wir waren und sind überzeugt, dass diese Technologie in Deutschland selbst entwickelt werden muss. Andernfalls laufen wir Gefahr, dass sie uns irgendwann von großen Konzernen vorgegeben wird. Am UKE haben wir dafür eine besondere Ausgangslage, da wir seit 2009 ein vollständig digitalisiertes Krankenhaus sind. Da haben wir eine sehr gute Basis, um KI-Modelle zu entwickeln und anschließend auf andere Bereiche des deutschen Gesundheitswesens zu übertragen.

 

Wie hat sich die IDM seit der Gründung entwickelt?

Mittlerweile sind wir 18 Leute und arbeiten zusätzlich mit über zehn Medizinstudenten zusammen. Wir haben uns vorgenommen, dieses Jahr insbesondere im Bereich der Spracherkennung, aber auch in der KI-gestützten Strukturierung und Nutzbarmachung von Daten weiter zu wachsen. Außerdem planen wir, unser Sprachmodell Argo in weitere Kliniken zu bringen. Ein weiterer wichtiger Schritt ist die Zertifizierung zur Herstellung von Medizinprodukten. Das ist ein sehr umfangreicher Prozess, den wir dieses Jahr angehen, um künftig auch KI- Modelle für Diagnostik und Versorgung anbieten zu können.

 

Was für Produkte könnten das sein, die ihr auf den Markt bringt?

Da kann man sich unglaublich viele Sachen vorstellen. Denkbar ist beispielsweise, dass LLMs oder KI-Agenten in Zukunft Ärzten bei Entscheidungsprozessen im klinischen Alltag unterstützen.

 

„Wir möchten mit der IDM einen Beitrag dazu leisten, KI-Modelle souverän in Deutschland und Europa zu entwickeln und diese auch anderen Startups zur Verfügung zu stellen.“

 

 

Was wünscht du dir von Kliniken und vielleicht auch Ärztinnen und Ärzten im Umgang mit KI?

Ich betone immer wieder, wie wichtig ein bewusster Umgang mit KI-Produkten ist. Es gibt sehr viele spannende Start-ups mit großartigen Ideen, aber ein Großteil davon nutzt lediglich marktführende Sprachmodelle und sind letztendlich nichts anderes als Wrapper.

Diese Startups sind abhängig von der Ressource KI-Modell, die sie überwiegend aus dem außereuropäischen Ausland beziehen. Wir möchten mit der IDM einen Beitrag dazu leisten, KI-Modelle souverän in Deutschland und Europa zu entwickeln und diese auch anderen Startups zur Verfügung zu stellen. Ich wünsche mir daher, dass KI-Nutzer genauer hinschauen, welche Daten sie in welche Modelle eingeben. Aus unserer Perspektive gehören sensible Patientendaten nicht in allgemein verfügbare Sprachmodelle.

 

Was bedeutet Technologiesouveränität für dich?

Technologiesouveränität bedeutet für uns, die Technologie aktiv mitzugestalten. Das erfordert Investitionen in Knowhow, in qualifizierte Leute und in leistungsfähige Infrastruktur. Genau daran arbeiten wir in der IDM jeden Tag.

Auf infrastruktureller Ebene heißt Souveränität auch, dass wir in Deutschland und Europa eigene leistungsfähige Modelle benötigen, um echte Alternativen zu den großen KI-Anbietern aus den USA und China zu schaffen.

Gerade in der aktuellen politischen Situation ist es sehr wichtig, genau hinzuschauen. KI hat enormes Potenzial, aber wenn wir sie nur konsumieren, zahlen wir nicht nur mit Geld, sondern auch mit Daten. Diese Daten liefern wertvolles Wissen über unsere Gesellschaft. Das darf insbesondere bei Gesundheitsdaten nicht leichtfertig aus der Hand gegeben werden.

Ich bin überzeugt, dass wir derzeit auf einem guten Weg sind, tragfähige Infrastruktur aufzubauen, etwa durch den Ausbau großer Rechenzentren. Entscheidend ist nun, diese Infrastruktur auch mit eigenen europäischen Modellen zu füllen und nicht ausschließlich internationalen Technologiekonzernen zu überlassen. Wir müssen sicherstellen, dass die dort verarbeiteten Daten nicht für andere Zwecke missbraucht werden.

Gesundheitsdaten gehören zu den sensibelsten Daten überhaupt. Gleichzeitig beobachten wir bereits heute, dass Patienten in großem Umfang marktführende Sprachmodelle nutzen, etwa um sich eine zweite Meinung einzuholen oder sich beraten zu lassen. Neben positiven Einzelfällen gibt es jedoch auch zahlreiche Berichte über falsche oder potenziell gefährliche Auskünfte. Aus ärztlicher Perspektive ist hier daher zur Vorsicht zu raten. Wir sollten aufpassen, dass unsere Gesellschaft nicht komplett gläsern wird und wir uns nicht weiter abhängig von Technologiekonzernen machen. Wir müssen jetzt die vorhandene Infrastruktur mit eigenen europäischen Modellen füllen und sicherstellen, dass sensible Daten nicht missbraucht werden.

 

Was bedeutet der Standort Hamburg in diesem Zusammenhang für dich?

Wir sind sehr daran interessiert, die Region zu stärken und KI in Hamburg gezielt voranzubringen. Dafür möchte ich an dieser Stelle Werbung machen. Die Voraussetzungen sind sehr gut, das Potenzial ist enorm. Was es braucht, ist ein gemeinsamer Kraftakt, um Synergien zu nutzen und Hamburg als KI-Hotspot weiterzuentwickeln.

 

„Wir haben hier sehr viele Talente“

 

 

Wer weiß, vielleicht geht die politische Entwicklung jetzt so schnell, dass man dazu gezwungen ist.

Es ist leider ein wiederkehrendes Dilemma, dass wir in unserem System oft hinterherhinken. Grundsätzlich ist es auch in Ordnung, dass Demokratien manchmal etwas träger sind. Wenn es jedoch um technologische Sprünge geht, wird das zum Problem, weil wir uns nicht schnell genug anpassen. Es sind oft die Basics: Wir haben hier in Hamburg nach wie vor nicht flächendeckend Glasfaseranschlüsse. Man braucht eine stabile Internetanbindung und eine leistungsfähige Infrastruktur, um große KI-Modelle betreiben und trainieren zu können. Das sind Themen, die seit Jahrzehnten bekannt sind. Trotzdem habe ich die Hoffnung und bin optimistisch, dass wir in diesem und nächstem Jahr gute Entwicklungen sehen werden.

 

Woher nimmst du deinen Optimismus?

Ich glaube, dass der Wind aktuell günstig steht. In Europa müssen wir wieder stärker den Gedanken verankern, dass wir zusammenhalten und uns nicht verstecken müssen. Wir haben hier sehr viele Talente und viel Technologie, die bei uns entsteht. Wir müssen sie nur konsequent für unsere Gesellschaft nutzbar machen. Das Potenzial ist riesengroß.

 

Beim ARIC laufen uns die vielen Leute, die es richtig machen, über den Weg. Das motiviert und auch bei der Arbeit.

Wir müssen uns manchmal ein bisschen mehr trauen, einfach mal etwas wagen. Dann wird das schon alles gut werden.

Interview: Sabrina Pohlmann

 


Mit unseren Interviews wollen wir euch verschiedenen Perspektiven und Akteure im Themenfeld KI vorstellen. Die Positionen unserer Interviewpartner:innen spiegeln nicht zwingend die Positionen des ARICs wider.


 

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